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10.03.2010 19.56 | Renato | Lizenz zum Töten
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Aus FOCUS Nr. 45 (1994)

FOCUS Magazin > Archiv > 1994 > Nr. 45 > Deutschland GEISELDRAMA

Lizenz zum Töten
Von Peter Miller und Frank Siering

Das Geiseldrama endete nach beinahe 42 Stunden am Dienstag abend um 22.10 Uhr. Raymond Albert feuerte einen Schuß in die Luft, das Zeichen zur Aufgabe.
Wenig später tritt der 35jährige Schwerverbrecher aus dem Dunkeln hinaus auf den von Polizeischeinwerfern ausgeleuchteten Campingplatz bei Heisterbach im Westerwald.

„Der war völlig erschöpft, sah keine Chance mehr zu entkommen“, sagte ein leitender Kripomann. „Wir können von Glück reden, daß bei einem so gefährlichen Mann wie Albert die Geiselnahme ohne Blutvergießen ablief.“

„Rambo“-Albert gehörte vor dem Mauerfall einer ehemaligen DDR-EliteEinheit an. Ausgebildet wurde der NVA-Mann, der gern Gedichte schrieb, im Fallschirmjäger-Bataillon 40 in Lehnin, 20 Kilometer westlich von Potsdam. Heute ist das Bataillon der Wehrbereichsverwaltung Neubrandenburg VIII unterstellt. Die Spezialeinheit war ursprünglich in Prora auf Rügen stationiert. 1982 wurde sie nach Lehnin verlegt. In der Abgeschiedenheit konnten sich die Männer besser auf ihre außergewöhnliche Aufgabe konzentrieren – die Ausbildung zur Sabotage.

In der strategischen Planung des damaligen DDR-Kommandos in Geltow bei Potsdam spielte die Super-Einheit eine besondere Rolle: Sie sollte West-berlin einnehmen.

Albert und seine Genossen waren an allen gängigen NATO-Waffen ausgebildet, wußten, wie sie sich im feindlichen Westen zu bewegen hatten, um im Ernstfall blitzschnell zuzuschlagen oder unterzutauchen.

Sie waren die Männer fürs Grobe, mit der Lizenz zum Töten. Spezialisiert auf eine mögliche Entführung von prominenten westlichen Politikern. Einzelkämpfer-, Fallschirmjäger- und Kampfschwimmerausbildung, Überlebenstraining. Der Hobby-Poet Albert wußte, wie man Sprengladungen an feindlichen Schiffen befestigt. Von diesen Tauchern gab es nur 100 in der DDR.

Bei den Montagsdemonstrationen im November 1989 in Leipzig zogen 300 Elitekämpfer in die Messestadt. Ein ehemaliger Vorgesetzter der Einheit: „Ein Befehl hätte genügt, und wir hätten den Aufstand zerschlagen.“

Eine weitere Spezialität der Thüringer „Kampfmaschine“: Albert wußte, wie man in Sekundenschnelle einen Menschen lautlos ermordet. Was er 1991 auch tat.

Der damals 32jährige erdrosselte den Wirt des Stuttgarter Lokals „Bierteufel“. Um die Spuren zu verwischen, habe er – so berichtete damals die „Stuttgarter Zeitung“ – „den Kopf des Opfers angezündet, danach mit einer Machete vom Rumpf getrennt und im Wald verscharrt“.

Der Ex-Soldat wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und landete in der berühmt-berüchtigten Hamburger Haftanstalt „Santa Fu“. Hier lernte er den Schweizer Gerhard Polak kennen, genannt der „Knast-Schlosser“. Der 35jährige, wegen räuberischer Erpressung zu vier Jahren verurteilt, arbeitete in der Gefängnisschlosserei. Dort besorgte er sich vermutlich das Werkzeug, um zusammen mit Raymond Albert am 10. Oktober auszubrechen (siehe Kasten).

Drei Wochen nach ihrer Flucht, am Montag, 31. Oktober um vier Uhr früh, begann das Drama, das die Nation in Atem hielt. Auf ihrer zweitägigen Odyssee quer durch die Republik nahmen die Schwerverbrecher in Stuttgart einen jungen Polizisten und seine Kollegin als Geiseln, überfielen eine Volksbank im hessischen Fulda und flüchteten mit 200 000 Mark.

Auf der Verfolgungsjagd durch Hessen, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt zerrten die beiden Kidnapper einen Familienvater mit seinen beiden Kindern, ein und drei Jahre alt, in ihr Fluchtauto, und nahmen ungehindert ein älteres Ehepaar als Geiseln.

500 Polizisten und Sondereinsatz-kommandos des Bundesgrenzschutzes (GSG 9) stellten die erschöpften Gangster, nachdem sie alle ihre Geiseln freigelassen hatten, am Heisterbacher Weiher im hessischen Drieburg.

Auf der weit über 1000 Kilometer langen Flucht durch alte und neue Bundesländer hatten Albert und Polak einen großen Bogen um den Freistaat Bayern gemacht. Vielleicht fürchteten sie sich vor dem finalen Rettungsschuß, mutmaßt ein Kripomann.

SANTA FU – RAUS BIST DU!

In der Hamburger Haftanstalt Fuhlsbüttel II, genannt Santa Fu, sitzen rund 500 Schwerverbrecher langjährigen Haftstrafen ab. Die Hansestadt ist bekannt für eine großzügige Handhabung des liberalen Strafvollzugs, und das, obwohl schon etliche Ganoven ausbrachen, Freigang oder Hafturlaub zur Flucht nutzten. In einem Jahr kehrten 73 Häftlinge nicht aus dem Urlaub zurück. Die hohe Zahl der „Abgänger“ brachte der Anstalt den Spruch ein: „Santa Fu – raus bist du“!

Die Gewaltverbrecher Albert und Polak flüchteten am 10. Oktober. Sie durchsägten die Gitterstäbe ihrer Zellen im fünften Stock, seilten sich an einem Elektrokabel ab. Mit einer selbstgebastelten Leiter überwandten sie Zäune und die Mauer.

Den Vorwurf mangelnder Sicherheit weist Hamburgs Justizsprecher Jürgen Weinert zurück: „Wir haben im Vergleich mit ähnlichen Anstalten nicht mehr Ausbrüche.“ Experten geben zu bedenken, daß Strafgefangene auch im härtesten Strafvollzug nicht hundertprozentig sicher aufgehoben seien. Während viele Häftlinge „mit Verärgerung“ auf die Flucht reagierten, bedeutete der „Ausflug“ für Anstaltsleiter Hans-Jürgen Kamp das Aus. Nachfolger: Jobst Poenighausen, 40, bisher Leiter der offenen Anstalt in Vierlande.

Gegen zwei Justizbeamte soll ein Disziplinarverfahren eingeleitet werden. Der Vorwurf: Sie hätten bei der Flucht „geschlafen“. Erst nach fünf Stunden fiel ihnen der Ausbruch auf.

Quelle FOCUS Nr. 45 (1994)

10.03.2010 20.13 | Rumpel | RE: Lizenz zum Töten
Dienstzeit von 77-80 tippe ich mal also 1. Kompanie.
Kennt ihn jemand???

10.03.2010 20.23 | staber | RE: Lizenz zum Töten
wußte gar nicht das NVA-Fallschirmjäger eine
Lizenz zum Töten haben bzw. hatten
da läuft mir doch grad eben ein Schauer den Rücken
runter wenn ich daran denke das ich mich bei Kameradschaftstreffen unter
Killern befinde
das macht mir aber jetzt richtig Angst
deshalb gleich mal ne Frage ...mußten die Fallschirjäger ihre Lizenz zum Töten
bei der Entlassung aus dem aktiven Wehrdienst am KdL abgeben ?

noch ne Frage ...gab es besagte Thüringer Kampfmaschine Albert wirklich bei Euch ?

Gruß Staber

10.03.2010 20.40 | joergd | RE: Lizenz zum Töten
Mann...ich hab doch immer gewusst, dass ich ein Hartes maennliches Haustier bin! Und seht Ihr, wir mussten dieses ganze Schiffsladungen anbringen, NATO Waffen Training etc. gar nicht mal machen! Wir haben nur auf irgendwelcher Lektuere schlafen muessen und schon konnten wir dass...:fetz: :fetz: :kiffen:
Zumindest ann ich mich nicht erinnern, daran mal geuebt zu haben:baeeh: .

Gruss

Joergd

10.03.2010 20.54 | siggi j. | RE: Lizenz zum Töten
Original von staber
wußte gar nicht das NVA-Fallschirmjäger eine
Lizenz zum Töten haben bzw. hatten
da läuft mir doch grad eben ein Schauer den Rücken
runter wenn ich daran denke das ich mich bei Kameradschaftstreffen unter
Killern befinde
das macht mir aber jetzt richtig Angst
deshalb gleich mal ne Frage ...mußten die Fallschirjäger ihre Lizenz zum Töten
bei der Entlassung aus dem aktiven Wehrdienst am KdL abgeben ?

noch ne Frage ...gab es besagte Thüringer Kampfmaschine Albert wirklich bei Euch ?

Gruß Staber

Du darfst eine Katze streicheln aber nicht.......!!!!!


Gruß siggi

11.03.2010 07.56 | Dirk70 |
Zitat: "Von diesen Tauchern gab es nur 100 in der DDR."

Ich denke er war beim KSK18!
@Falli DD, denke ich weiß etwas darüber!!!

Gruß Dirk :gut:

11.03.2010 10.23 | Steve |
das war ja 94, da gab es noch einige Unklarheiten und Gefasel, wenns um die NVA ging. Ich kann mich noch dran erinnern, das sie ihn als ehem. Einzelkämpfer der NVA beschrieben hatten. Wußte garnicht, das die welche hatte... War wahrscheinlich der Einzigste.
Den haben sie doch damals im Gebüsch versteckt gefunden... Hat ja dann ne tolle Ausbildung gehabt. Eigentlich hätten sie wissen müssen, das sie nur im urbanen Gebiet ein Chance gehabt hätten, aber nie aufm Land... Wir sind doch nicht in Montana...

11.03.2010 10.43 | Jörg |
Ich kenne den Mann nicht, was aber nun mal gar nichts bedeutet.Artimäuselchen müßte ihn kennen, wenn er in der 1. FJK gewesen ist. Aber wenn er auch Taucher gewesen ist, dann müßte er im STZ gewesen sein und das war er deffinitiv nicht zu genannter Zeit.

Ich glaube eher, dass er in irgendeinem FAZ gewesen sein wird und was er so drauf hat, hat er erstunken und erlogen.

Man müßte mal ein Foto von ihm sehen, dann dämmert es vielleicht, falls er wirklich bei uns war.
Ein richtig guter Fallschirmjäger hätte

a) solchen Scheiß nicht gemacht - wer killt schon einen Kneiper ? Und
b) hätte sich nicht auf so eine Art fassen lassen

was nicht bedeutet, dass man einen NVA-FJ nicht zu greifen bekommt aber

1. hat er ein ganz anderes Stehvermögen, als das er nach drei Tagen aus "Altersschwäche"
gefasst worden wäre und

2. hätte er nicht aufgegeben, wenn Polizeihund Muchtar bellt.

Ein Fallschirmjäger war es bestimmt nicht, der hätte sich nicht so blöd angestellt.

Gruß Jörg

11.03.2010 12.27 | Klaus-D. |
Ein Fallschirmjäger war es bestimmt nicht, der hätte sich nicht so blöd angestellt.
:gut: Jörg, der war gut ! :lach:

11.03.2010 13.24 | ADK-125 |


a) solchen Scheiß nicht gemacht - wer killt schon einen Kneiper ? Und


@Jörg

alles andere will ich Dir glauben, aber die Ausbildung zum Fallschirmjäger im Allgemeinen und zum Fallschirmjäger der NVA im Speziellen, ist keine Garantie niemals im Leben zum Mörder zu mutieren!

der Anteil kranker Geister dürfte im statistischen Mittel überall gleich sein! :kiffen:

gruß ADK

11.03.2010 14.31 | Renato | Champagner tranken die Gangster dann doch nicht
Champagner tranken die Gangster dann doch nicht
Nach fast zweitägiger Hatz durch halb Deutschland gingen der Polizei die Kidnapper zermürbt ins Netz Verbrecherjagd quer durch sechs Bundesländer -- die Medien immer dicht auf
LUTZ SCHNEDELBACH, STEPHAN NATZ UND FRED HASSELMANN

34 Stunden dauert die spektakuläre Jagd. Um 13.55 Uhr überwältigen vier Männer eines hessischen Sandereinsatzkommandos im Wald nahe dem hessischen Ort Driedorf Gerhard Poiak. Sie müssen nicht schießen. Der 35 jährlge, der eine Pistole, eine Handgranatenattrappe und einen Rucksack voller Geld bei sich trägt, gibt, offenbar zermürbt, auf. Sein 32jähriger Kumpan, der als weitaus gefährlicher geltende Mörder und Ex-NVA-Einzelkämpfer Raymond Albert, hält hunderte Polizisten noch für weitere Stunden In Atem.

Schießerei im Dorf

Polak und Albert hatten am Montag morgen in Stuttgart erst zwei Polizisten und später einen weiteren Mann gekidnappt. Bei einem Banküberfall im hessischen Fulda erbeuten sie mehr als 200 000 Mark, lassen mittags ihre Geiseln in Thüringen frei, um kurz darauf ein älteres Ehepaar in ihre Gewalt zu bringen. Nach einer Schießerei im Dorf Hötzelsroda bei Eisenach bringen sie noch einen Vater mit seinen zwei Kindern in ihre Gewalt. Während die Kinder rasch wieder fteigelassen werden, irren die Gangster mit ihren drei Gefangenen durch die Nacht. Wenige hundert Meter hinter ihnen hält ein Troß von Polizeiwagen die nachdrängende Journalistenmeute auf Distanz.

Auf ihrem Weg von Dresden nach Berlin, wo Albert Verwandte hat, kehren die Verbrecher gegen 20 Uhr um, weil ihnen der Verkehr zu dicht wird und dem Schweizer Poiak die ihm fremden neuen Bundesländer unheimlich sind. Der ältere Mann im Auto blutet, war noch in Thüringen von der Polizei versehentlich am Arm angeschossen worden.

Tempo 200 in der Nacht An einer Tankstelle zwischen Chemnitz und dem Hermsdorfer Kreuz hält der dunkeigrüne Mercedes 300 mit dem Ulmer Kennzeichen ULM 9007. "Wenn Ihr uns nicht weiter verfolgt, lassen wir die Geiseln frei", wird von der Polizei erneut gefordert. Diese reagiert darauf nicht.

Die Hatz über die von zahllosen Baustellen immer wieder eingeengte Autobahn geht bei Dunkelheit und dichtem Regen mit teilweise halsbrecherischem Tempo von bis zu 200 Stundenkilometern weiter. Ein Funkamateur: "Man hat den Eindruck, als ob es keine zentrale Einsatzleitung der Polizei gibt. Wenn eine Landesgrenze überschritten, wird, ist ein neues Landeskriminalamt zuständig." Das war in sechs Bundesländern der Fall. Die Spezialeinheit des Bundesgrenzschutzes GSG 9 wlrd erst gegen drei Uhr morgens alarmiert.

Eine Stunde vor Mitternacht herrscht auf der Mmol-Raststätte Eichelborn bei Erfurt Konfuslon. Bis auf eine hat die Polizei alle Tanksäulen lahmlegen lassen. Hier soll zugegriffen werden. Doch es kommt anders. Die Kidnapper tanken. Sogar die Rechnung wird bezahlt. "Ich habe keine Ahnung, von wem", sagt der Tankwart. "Im Laden waren plötzlich mindestens 30 Polizisten." Noch bevor ein von den Gangstern telefonisch angeforderter Notarzt eintrifft, sind der Mercedes und seine Verfolger wieder in Richtung Frankfurt am Main unterwegs. Der Grund: Albert und Polak riechen plötzlich Lunte, als über der Tankstelle ein noch immer nicht identifizierter Hubschrauber kreist. Die Polizei vermutet Journalisten im Helikopter.

Der Motor ist kalt

Um 2 Uhr verliert sich die Spur auf der A 66 bei Hofheim zwischen Frankfurt und Wiesbaden. Die Polizei, die am späten Abend die Journalisten abgedrängt hatte, will plötzlich wieder mit ihnen kooperieren. Um 5.35 Uhr klingelt bei der Mutter des Thüringers Matthias Luhn -. er war mit seinen Kindern in Hötzelsroda gekidnappt worden -- das Telefon. "Wir sind frei", sagt der völlig erschöpfte Mann. Eine Stunde vorher hatten Albert und Polak ihre letzten drei Opfer bei Weilburg an der Lahn freigelassen.

Von dort aus fahren sie nur noch gute 30 Kilometer in den kleinen Ort Drtedorf im Westerwald. Kurz zuvor werden sie erneut von der Polizei gesichtet -- vdretst ohne direkte Folgen für sie. Als ein Mitarbeiter des Autohauses Schlosser In der Driedorfer Stadionstraße gestern kurz nach sechs Uhr zur Arbeit kommt, fällt ihm unter den dort geparkten Autos ein fremder Wagen auf -- der Flucht-Mercedes. Sein Motor ist längst kalt.

Um 6.58 Uhr beobachtet eine Polizeistreife im Driedorfer Ortsteil Heisterberg einen Mann in einer Telefonzelle. Als sie halten, schießt er sofort, trifft glücklicherweise aber niemanden und kann in Richtung der nahen Bungalowsiedlung am Helster,er" flüchten~

Zwischendurch taucht der Sijährige Werner Kalms aus dem Driedorfer Nachbarort Schönbach bei der Polizei aufl "Mein roter Opel Kadett wurde nachts gestohlen", will er zu Protokoll geben. "Dafür haben wir heute keine Zelt", wird er von den aufgeregten Beamten des Provinznestes abgewiesen, Es könnte ein weiteres Fluchtauto gewesen sein. Denn bis zum Abend bleibt der Aufenthaltsort von Albert unbekannt.

Indessen wird die Camping- und Bungalowsiedlung von immer neuen Einheiten der Polizei eingekreist und abgeriegelt. Präzisionsschützen, maskierte und bis an die Zähne bewaffnete Nahkämpfer, Hundestaffeln und ein Schützenpanzer rücken an. Über der Siedlung am Hügel kreisen Helikopter, von denen aus die wenigen Bewohner aufgefordert werden, in ihren Häusern zu bleiben. Wie die zwei ortsfremden Gangster die versteckte Siedlung finden und später aus dem abgerlegelten Areal fliehen konnten, bleibt unklar.

Die Spekulationen blühen, als am späten Vormittag ein roter Lieferwagen eines Partyservice den waffenstarrenden Kordon passieren darf. Er hat Champagner, Kaviar und andere erlesene Leckereien geladen. "Wollen die Gangster nur Kraft tanken oder haben sie sich ihre Henkersmahlzeit kommen lassen", werden die Beamten mit Fragen bestürmt Doch sie schwelgen. Statt dessen stürmt punkt 12 Uhr mittags die GSG 9 ein Jugendheim nahe der Feriensiedlung. Umsonst, es Ist leer.

Überleben trainiert

Zwei Stunden später überschlagen sich die Ereignisse für kurze Zeit. Ein Troß aus mehreren Polizei- und Zlvilfahrzeugen rast aus dem abgesperrten Gebiet auf die B 255 In Richtung Herbom. Doch schon nach wenigen hundert Metern quietschen die Bremsen. Die Polizisten werfen sich vor einem Waldstück auf den Boden. Zwischen den Bäumen tauchen maskierte SEK-Männer auf. Vier von Ihnen finden innerhalb weniger Minuten den auf dem Boden liegenden Gerhard Polak, der sich widerstandslos festnehmen läßt.

Er sagt, daß er sich dort von seinem Komplizen Albert getrennt habe. Der Wald wird durchkämmt, zwei Hubschrauber suchen aus der Luft, Polizei und Journalisten gehen auf der nahen Straße hinter Autos in Deckung. Überleben hat der Ex-Kampfschwimmer Albert bei der NVA gelernt. Dort war er härter ausgebildet worden als die als Elitetruppe geltenden Fallschirmjager. Er trainierte vor allem Selbstüberwindung. Mit einem Bleigürtel um die Hüften, ohne Sauerstoff, mußte er den Grund eines Schwimmbekkens durchqueren. Das Schwimmen mit gefesselten Händen und Füßen übte er ebenso wie die Selbstbefreiung nach vorheriger Fesselung in abgelegenen Gebieten. Dennoch beschreiben die Geiseln später Polak als Scharfmacher. Albert habe begutigend auf seinen Komplizen und die Gefangenen eingeredet.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit werden schwere Beleuchtungstechnik und neue Hunde angefordert. "Wir richten uns auf eine lange Nacht ein", sagt Kurt Maier von der Gießener Polizei. Die Driedorfer werden aufgefordert, in die Dorfknelpe zu kommen, um erneute Geiselnahmen zu verhindern. "Wir haben alle Angst", sagt eine Frau aus dem Ort.

Um 22.20 Uhr dann Aufatmen in Drledorf und unter den vielen hundert Polizeibeamten. Rayrnond Albert stellte sich, offenbar zermürbt von der langen Flucht, seinen Jägern.

Bei dem Ferienort Driedorf im Westerwald hatten sich gestern die beiden Schwerverbrecher verschanzt.

Quelle: Berliner Zeitung 02. November 1994

11.03.2010 14.34 | Renato | Ein Gangster-Duo hält das Land in Atem
Spektakuläre Flucht durch die halbe Bundesrepublik endet am Heisterberger Weiher /935 Polizisten im Einsatz.

Von Jörg Weirich Driedorf-Heisterberg . Der 1. November 1994 war einer der aufregendsten Tage in meinem Berufsleben. Er begann am frühen Morgen mit dem Weckanruf einer Kollegin: „Biste schon wach?“, fragte sie . „Nee, noch nicht wirklich“, lautete meine verschlafene Antwort. „Dann werd’s jetzt ganz schnell!“ „Und warum?“ „Die Geiselgangster sind in Driedorf! Ich hab’s grade erfahren!“ Jetzt war ich glockenhell wach: Rein in die Klamotten, runter ins Auto und ab in Richtung Westerwald . . .

Raymond Albert und Gerhard Polak waren am 10. Oktober 1994 aus dem dem „Santa Fu“ genannten Gefängnis in Hamburg-Fuhlsbüttel ausgebrochen. Auf ihrer Flucht nahmen sie drei Wochen später, am 31. Oktober, in Stuttgart um 4 Uhr in der Nacht einen jungen Polizisten und seine Kollegin als Geiseln. Das Drama, das die Nation zwei Tage lang in Atem hielt, begann.

Sechs Stunden später überfielen sie in Fulda eine Bank und raubten dabei umgerechnet rund 102 000 Euro.

Gegen 13 Uhr ließen sie im thüringischen Suhl die Polizisten und eine weitere Geisel frei, um gegen 15 Uhr in Eisenach erneut zuzuschlagen: Diesmal brachten sie einen Mann mit zwei Kindern in ihre Gewalt. In Gotha ließen die Kidnapper zwar die Kinder frei, nahmen dafür aber ein älteres Ehepaar als Geiseln. Auf dem Weg nach Berlin wendeten die Gangster und fuhren wieder nach Hessen zurück. Gegen 2 Uhr in der Nacht zum 1. November verlor die Polizei in der Nähe von Wiesbaden den Kontakt zum Fluchtauto.

Um kurz nach halb fünf in der Früh ließen Albert und Polak auf der Straße zwischen Weilmünster und Weilburg ihre drei Geiseln frei, die gegen 5 Uhr Ernsthausen erreichten und Alarm schlagen konnten.

Um halb sieben wurde das Fluchtauto in Driedorf entdeckt, wo es auf dem Parkplatz eines Autohauses abgestellt war. Nun suchte die Polizei die nähere Umgebung ab. Um 7 Uhr wollte eine Streife an der Telefonzelle am Heisterberger Weiher einen Mann kontrollieren. Es war Raymond Albert, und der schoss sofort auf die beiden Beamten. Einer feuerte zurück. Verletzt wurde bei dem kurzen Gefecht niemand, aber Albert konnte fliehen.

„Bacco“ kam im knallroten Fiat

Was dann folgte, war nahezu unglaublich: 935 Beamte von Polizei und Spezialeinsatzkommandos sowie ganze Heerscharen von Zeitungs-, Radio- und Fernsehjournalisten belagerten das Gelände am Weiher. Die Polizei richtete am Höllkopf ein Pressezentrum ein.

Heimische Zeitungsleute und Polizisten trauten dann ihren Augen nicht, als plötzlich der bekannte Herborner Pizzabäcker Raffaello de Bastiani mit seinem knallroten Fiat-Lieferwagen vorfuhr. Er habe eine telefonische Bestellung von den Gangstern erhalten, sagte „Bacco“, er soll ihnen Lachs, Kaviar und zwei Flaschen Champagner bringen . . .

Kurz vor 14 Uhr entdeckten vier Polizisten Gerhard Polak im Unterholz in der Nähe der Freizeithäuser am Campingplatz, wo Spezialeinsatzkräfte bereits 60 Hütten und Wohnwagen aufgebrochen hatten. Er ließ sich widerstandslos festnehmen. Um kurz nach 22 Uhr war der Spuk dann vorbei: Raymond Albert schoss in der Nähe eine Beleuchtungswagens in die Luft und ergab sich dessen Besatzung.

Quelle : Mittelhessen.de

11.03.2010 14.37 | Renato | Wunschdenken
Quelle:
Der Kampfschwimmer
Ausgabe 01/2001

11.03.2010 14.39 | Renato | Auch wir wollen Gutes
Strafjustiz

Auch wir wollen Gutes

Gisela Friedrichsen über den Prozeß gegen die Fuhlsbüttel-Ausbrecher Polak und Albert in Stuttgart

Von Friedrichsen, Gisela

Die beiden kommen aus dem Schweigen. Sie leben in Ein-Mann-Gefängniszellen, die niemand betritt. Das Essen wird ihnen wortlos durch die Klappe zugeschoben. Nur zur täglichen Sicherheitsüberprüfung erscheinen vier Mann, auch sie wortkarg: Man öffnet die Klappe, der Häftling muß sich mit dem Rücken zur Tür stellen und die Arme nach hinten durch die Klappe strecken. Man legt ihm Handfesseln an, um dann die Tür aufzuschließen und die Gitterstäbe vor dem Fenster abzuklopfen.

Für den einen Häftling wurde sogar ein besonders abgesicherter Separattrakt erbaut, damit er garantiert mit keiner Seele Kontakt hat. Als Lockerung galt es schon, als er zeitweise die Teeküche benutzen durfte, allerdings nur, wenn alle anderen Gefangenen eingeschlossen waren. Er hatte Arbeitsverbot, Bastelverbot, er durfte nicht einmal in die Kirche gehen.

Er behielt das Essen nicht mehr bei sich und magerte ab. In den ersten Monaten brannte in der Zelle Tag und Nacht Licht, später wurde es alle zwei Stunden angeschaltet. Zweimal in der Woche durfte er duschen, aber nur, wenn die Mitgefangenen bereits wieder unter Verschluß waren.

Gerhard Polak, 36, und Raymond Albert, 34, sind als höchstgefährliche Verbrecher stigmatisiert. Der eine, Polak, weil er immer und immer wieder ausbricht, wann und wo man ihn auch einsperrt. Albert, weil er seit seiner Verwicklung in einen Mordfall den Beinamen "Macheten-Mörder" trägt: Er hatte den Kopf des Getöteten mit einem Rouladenmesser (nicht mit einer Machete) abgetrennt, was als Beweis für seine ganz außergewöhnliche Grausamkeit gewertet worden war.

In der Verhandlung vor der 5. Strafkammer des Landgerichts Stuttgart, in der es um den jüngsten Ausbruch beider aus der Hamburger Haftanstalt Fuhlsbüttel ("Santa Fu") samt Geiselnahme und zahlreicher kleinerer Delikte aus dem Jahr 1994 geht, sind die Angeklagten ungewöhnlich mitteilsam.

Die Worte strömen aus ihnen heraus. Polak, verteidigt von den Hamburger Anwälten Martina Zerling und Josef Gräßle-Münscher, hat ein 140 Seiten umfassendes Konvolut verfaßt über sein von zahllosen Ausbruchs- und Fluchtabenteuern geprägtes trostloses Leben und den Ablauf der letzten Tat. Seine Anwälte bitten, daß er es verlesen darf, schließlich sitze er seit mehr als einem Jahr in Einzelhaft und wolle ein Fazit ziehen unter sein bisheriges Leben. Er will zum Leidwesen des Gerichts unbedingt vorlesen, er redet und redet. Er will jedes Detail, alles, was sich angestaut hat, ausbreiten - in der Hoffnung, irgend jemand möge einmal begreifen, daß er eigentlich nichts anderes anstrebte, als normal zu leben.

Albert, er versucht dem Gericht die Hoffnungslosigkeit des Daseins von Kriminellen zu erklären, wirbt auch um den wie um sein Leben redenden Schicksalsgenossen: "Man ist ja nicht abgehauen, um kriminell zu werden oder Geiseln zu nehmen. Alle Menschen wollen doch nur eines, wie Gerhard schon sagte: glücklich sein. Auch wir wollen Gutes, träumen von einer Familie und Kindern. Wenn man keinen Lehrmeister hat, der die Gesetze der Welt und der Moral erklärt, geht man oft den falschen Weg. Damit hängt die Flucht zusammen: Man ist unglücklich und gibt sich mit diesem Zustand nicht zufrieden. Man will doch einem anderen nicht weh tun."

Polak ist ein Rekordausbrecher. Schon seine Mutter reagierte auf das unruhige Kind und seine Streiche vor allem mit Einsperren. Und der Junge reagierte darauf mit Abhauen. Seine Fähigkeiten, zu entweichen und sich durchzuschlagen, entwickelten sich rasch. Er riecht die Gefahr. Ein hochtrainiertes Gefühl warnt ihn vor Fallen.

Und noch eines: Seine Mutter litt an epileptischen Anfällen. Er erinnert sich, wie er schon als Kleiner aus Angst vor dieser ihm dann plötzlich so fremden Frau davonlief.

Wie beinahe jeden Jungen faszinierte ihn natürlich alles, was fährt. Mit zehn fuhr er erstmals Auto. Heimaufenthalte folgten. Die Eltern zogen mehrfach um, weil sie sich des ungeratenen Kindes schämten. Wohin trieb es ihn nach dem Schulabschluß? In einen Betrieb, der Autoteile herstellt. Er lernte Automechaniker und half an einer Tankstelle.

Mit anderen Jugendlichen knackt er Automaten, frisiert Mofas und brettert durch die Gegend. Er arbeitet in einem Versandhauslager und düst mit Gabelstaplern übers Gelände. Wieder ins Heim, raus, mit Kumpels Autos aufgebrochen, geschnappt und so fort. "Ich ging nach Luzern, da kam ich an einer Garage vorbei. In dem Auto steckte der Schlüssel." Warum stehen auch überall, wo Polak auftaucht, Autos herum?

Es folgen erste Jugendstrafen, Aufenthalte in Haftanstalten und Wohnheimen. Die Gesellschaft, in die er hineingleitet, ist nicht die feinste. Er klaut Autos, er sagt selbst: "fast zwanghaft, das wurde zu einer Art Größenwahn". Wieder fängt er sich eine Freiheitsstrafe ein. "Dann haben sie mich ausgerechnet zu Schwulen auf Gemeinschaft gelegt. Das war unerträglich auf dem engen Raum." Also nichts wie weg.

Dann fünf Jahre Haft, er arbeitet in der Tischlerei der Anstalt. "Da gab es eine Säge." Gitter durch, weg. Beim Sprung über die Mauer bricht er sich beide Fersenbeine. Ein Taxifahrer bringt ihn in eine Klinik. "Sie wollten mich in den dritten Stock legen. Da stand ein Rollstuhl. Rein, mit dem Lift runter und ab in die Stadt."

Die Verurteilungen, Strafen und Reststrafen summierten sich lawinenartig. "Und wieder kam mein Talent ans Licht." Er freundet sich mit einer jungen Frau an, die, während er inhaftiert ist, ins Drogenmilieu abgleitet. Er meint, wenn er nur draußen wäre, käme die Sache schon in Ordnung. Ohne Ausweis, ohne Arbeit, ohne Geld?

Während eines Gefangenentransports von Kassel nach Hamburg lernt er Albert kennen. Der unglückselige Zufall spülte da wieder einmal zwei Menschen zueinander, bei denen von "Resozialisierung" so lange nicht die Rede sein kann, als sie noch nicht einmal sozialisiert, also mit den Spielregeln unseres Zusammenlebens vertraut sind, und die in ihren Beschädigungen fatal zusammenpassen.

Albert ist in der DDR geboren und aufgewachsen. Er war ein braves, ordentliches Kind, das, weil es so brav und angepaßt war, sogar in einen Tauchklub aufgenommen wurde. "In der DDR war das alles schwierig. Man brauchte die Genehmigung von der Stasi, zum Beispiel auch bei Sportarten wie Bergsteigen oder Drachenfliegen. Alles, was einer möglichen Flucht dienen konnte, unterlag der staatlichen Zustimmung."

Er diente als Freiwilliger beim Wachregiment "Feliks Dzierzynski" in Berlin, schlug dann aber weitere Angebote der Armee, der Polizei und der Staatssicherheit ab. "Wichtig war mir, mich politisch und ideologisch vom Staat zu distanzieren. Mir war die Drückerideologie des Staates bewußt geworden", sagt er.

Von da an war er ein "Assi", ein Asozialer, wurde schikaniert und faßte beruflich nicht mehr Fuß. Es kam zu kleinen Straftaten - zum Beispiel stahl er aus einem Trabi einen Eiskratzer für 1,70 Mark -, Betrügereien und ähnlichem, die mit drei Jahren extrem hoch _(* Johann Schwenn, Martina Zerling, ) _(Josef Gräßle-Münscher. )

geahndet wurden. Als Albert entlassen wird, lebt seine Frau mit einem anderen in der Ehewohnung. Und neben seiner Tochter Frances gibt es eine kleine Sarah, die zwar seinen Namen trägt, nicht aber von ihm stammt.

Er wird wieder straffällig, wieder extrem hart bestraft (fünf Jahre sechs Monate unter anderem wegen unbefugter Benutzung eines Kraftfahrzeuges!) und im September 1990 entlassen. "Da stand ich nun vor der vollendeten Tatsache, daß es die DDR nicht mehr gab. Die Wende hatte ich nicht mitbekommen. Den Westen kannte ich nicht. Die Betriebe in meiner Heimat waren geschlossen. Mit Arbeit war da nichts."

Er schließt sich Zufallsbekanntschaften an. Auf Suche nach Arbeit wie er, waren diese in Händel geraten mit einem Stuttgarter Wirt, der in Jena Geschäfte betrieb. Die Sache endete für den Wirt tödlich. Albert und zwei andere bekamen 1992 in Stuttgart Lebenslang.

Bis heute bestreitet Albert, getötet zu haben. Es treibt ihn der Gedanke an eine Wiederaufnahme um - ein wirrer Traum vielleicht, möglicherweise auch der verzweifelte Kampf um ein erträgliches Selbstbild. Er sei nicht der Brutale, der Antreiber gewesen.

Und in der Tat: Was Polak und Albert selbst über ihre Odyssee durch die Bundesrepublik berichten, was Zeugen mit ihnen erlebt haben - es erscheint nicht einmal der Schatten eines Bildes von hochgefährlichen Personen. Sie haben zwar vielen Menschen einen heillosen Schrecken eingejagt, mancher zitterte um sein Leben. Die beiden ballerten wild in die Luft, sie drohten, sie überwältigten eine Polizeibeamtin und einen -beamten, sie nahmen Leuten das Auto weg. Sie plünderten eine Bank aus und zogen mit 286 500 Mark ab - keinem einzigen Menschen jedoch sind sie wirklich gefährlich geworden.

Sie entschuldigten sich sogar bei ihren Opfern, sie versuchten zu erklären, zu beruhigen. Sie boten Geld an für erlittenen Schaden. Sie nahmen in Kauf, festgenommen oder sogar niedergeschossen zu werden, um die Behandlung einer leichtverletzten Geisel zu erreichen. Albert entschuldigte sich höflich bei der jungen Polizistin, als er ihr den Dienstausweis abnahm, daß er sie deshalb habe anfassen müssen.

Sie sagten zu den beiden Polizeibeamten, als sie diese freiließen: "Es tut uns leid, daß wir uns auf diese Weise kennenlernen mußten. Man wird euch jetzt als Helden feiern. Aber versucht, aus dieser Geschichte etwas mitzunehmen für eure berufliche Laufbahn - daß Kriminelle auch anders reagieren können."

Ein Verdienst vor allem der Polizistin ist es wohl gewesen, daß die zum Teil chaotische Verfolgungsjagd nicht tragisch endete wie etwa das Geiseldrama von Gladbeck. Ihre Besonnenheit und ihr vorbildlicher Umgang mit den Tätern - auch wie sie im Ermittlungsverfahren und in der Hauptverhandlung aussagte - verdienen großen Respekt.

Respekt auch vor Oberstaatsanwalt Eckart Jäger, der so fair war, schon in der Anklage einen bedingten Tötungsvorsatz bei den Angeklagten nicht zu unterstellen. Auch als Hangtäter wollte er sie nicht qualifiziert sehen "angesichts der besonderen Fluchtsituation". Er hat darauf verzichtet, das letzte an Beschuldigung herauszuholen.

Am Ende der Hauptverhandlung forderte er eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren für beide Angeklagte. Sein Hinweis auf die Generalprävention mag der Angst der Opfer geschuldet sein. Denn von hoher Strafandrohung hat sich noch kein einziger verzweifelter Geiselnehmer, kein in die Freiheit drängender Ausbrecher abhalten lassen.

Für beide Angeklagte geht es nicht um die Höhe der Strafe, die einmal mehr ausgeworfen werden wird. Es geht darum, ob ihnen ein Rest Hoffnung bleibt. Albert, der Lebenslange, der nichts mehr zu verlieren hatte, als er sich mit dem Ausbruchskünstler Polak aus Santa Fu abseilte, sagt: "Nach Jahren des Gefängnislebens spinnt man sich so einiges zusammen, etwa: Wenn du erst mal draußen bist . . ." Die wirren, irren Träume hoffnungsloser Menschen sind gefährlich. Schon aus Rücksicht auf die Justizbeamten darf der Strafvollzug deshalb nicht zum Verwahrvollzug verkommen.

Johann Schwenn, der Verteidiger Alberts, er bat um eine Strafe nicht über acht Jahren, appellierte in einem juristisch wie menschlich glänzenden Plädoyer an das Gericht, durch die Urteilsbegründung einen menschenwürdigen Strafvollzug nicht zu verhindern. "Alberts Anspruch an die Allgemeinheit könnte bescheidener nicht sein - man möge ihn, so hat er gesagt, im Gefängnis ,leben lassen''." Y
* Johann Schwenn, Martina Zerling, Josef Gräßle-Münscher.


Quelle: DER SPIEGEL 51/1995

11.03.2010 14.42 | Renato | Erst NVA-Kämpfer, später kaltblütiger Gangster
Erst NVA-Kämpfer, später kaltblütiger Gangster
Holger Elias, Erfurt


Die Presse In Thüringen ist sich über die Beurteilung des Mannes einig, der tagelang die Schlagzeilen beherrschte: Raymond Albert, den ein Stuttgarter Gericht vor drei Jahren zu "lebemlingllch" verurteilte weil er gemeinsam mit drei Kumpanen einen Knelper ausgeraubt, anschile~end erdrosselt und mit dem Buschmesser enthauptet hatte, sei ein kaltbiütiger Gangster, den die NVA auf dem Gewissen habe. Denn erst nach der Militärzelt sei er auf die "schiefe Bahn, geraten irnd habe sich so "vom elgenwilligen Schüler zum gewieften Gangster" entwickelt.

Tatsächlich unterscheidet sich die Biographle des Raymond Albert bis zur Entlassung aus dem aktiven Wehrdienst nicht wesentlich von der anderer jugendlicher in der ehemaligen DDR. Als drittes Kind wird Albert 1961 In normalen Verhältnissen geboren.

Nach der Schule lernte er im Uhrenwerk Ruhla den Beruf des Schlossers und meldete sich anschlleßend zum dreijährigen Armeedienst. Raymond Albert. der sich in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) für den Tauchsport begeisterte, wurde In eine 100 Mann starke Elitetruppe der NVA beordert, wo er zum Finzelkämpfer ausgebildet wurde.

Auf die "schiefe Bahn" geriet der junge Mann, der zunächst seinen Job im Helmatbetrieb wieder aufgenommen hatte, nach seinen Kontakten mit der Jenaer Unterwelt. 1987 ertappte Ihn die Polizei bei Autoeinbrtichen und Scheckbetrügereien.

Die Justiz verurteilte Albert zu einer längeren Freiheitsstrafe, die er aufgrund einer Amnestle jedoch nur teilweise abzusitzen brauchte. Anschließend plante er seine Flucht In den Westen, die jedoch mißlang.

Nach der Wende verlor Albert vollends den Boden unter den Füßen. Er verdiente sich seine Brötchen im Gangstermilieu einer Zokker-Kneipe in Jena.

Für den Mord an dem Kneiper wurde Albert von einem Stuttgarter Gericht im Oktober 1992 zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt.

Quelle: Berliner Zeitung 03. November 1994

11.03.2010 15.27 | Steve |
Super, nu ist er einzelkämpfender Fallschirmschwimmkämpfer bei Feliks Dzierzinski... Oder wie???
Aber Knittel hat es gut gesagt in seinem P.S.

11.03.2010 17.15 | Oculus Exercitus |
Ja, ich meine da was in Erinnerung zu haben das er bei Felix war.

Gruß OE

11.03.2010 17.52 | Jörg |
Die letzte Äußerung von Kptn. z. See Knittel, hätte auch von mir sein können.

Ohne überheblich rüber zu kommen, hat der Kapitän recht.

Wäre er durch die Schule des KSK oder des FJB gegangen, hätten die Jungs von der GSG 9 zwei lange Wochen Arbeit gehabt. Wobei wenn 100-e Polizisten eine Mann suchen, mit technischen Hilfsmitteln, Hunden usw. ist es schon ein gutes Stück Arbeit, denen zu entkommen. Aber nach zwei, drei Tagen aufgeben, das hätte keiner von unseren Jungs gemacht, wenn er von seiner Sache (in diesem Falle eine miese Sache) überzeugt gewesen wäre.

Gruß

11.03.2010 18.33 | Oculus Exercitus |
Ich fand es damals schon ziemlich Interessant. Trotzdem ist es erstaunlich, wie schnell mancher NVA Fallschirmjäger ausrastet und sich aus der Reserve locken lässt. Selbst erlebt! Da gibts die tollsten Dinge die Kratzen keinen, und dann kommt irgendwann der Punkt wo das Fass überläuft und man was völlig unerwartetes tut. Das kann jedem passieren, irgendwann machts *Click* und da kann man vorher der tollste und cleverste der Welt gewesen sein, dann tut man was ... Man ist ja immer noch Mensch...

Warum kann es da nicht auch so gewesen sein, davon ab, wo wollten die denn überhaupt hin?

Ist jemals ne Flucht gelungen?

Es gibt sogar GSG9 Beamte die Lebenslange Haftstrafen verbüssen, weil irgendwann das Fass übergelaufen ist....

Es gibt Leute denen ich in einem Konflikt ( Ich will jetzt nicht sagen Krieg ) Blind vertrauen würde, im Militärischen gehören die zum besten was es gibt, mit denen würde ich überall hingehen, aber der Job hat Sie kaputt gemacht und Sie bekommen nicht die einfachsten Dinge ( z.b. Miete bezahlen ) gebacken. Das ist traurig...

11.03.2010 20.50 | joergd |
Original von Jörg

..... hätte sich nicht auf so eine Art fassen lassen

Gruß Jörg

Oh Joerg....da waere ich vorsichtig:lach:
Da hat sich doch auch einer der Besten Nahkaempfer des TT's (olle Koz..l aus der 3. - 84-87) bei einem Bankueberfall wohl den Zuendkerzenstecker des Motorrads rausziehen und zu guter letzt noch von Passanten ueberwaeltigen lassen:fetz: ...nun sitzt er wohl seit einigen Jahren....fuer 10 Jahre!!

So schnell kann das gehen!

Joergd

12.03.2010 19.57 | Mosescop | RE: Lizenz zum Töten
Mal meine Meinung zu der Person Albert.
Ich zweifle an, dass er mit den FJB oder ähnlichen Einheiten was zu tun gehabt hat, da er immer von der Handgranate RDG gesprochen hat und das diese eine verherende Spitterwirkung hat. Nach vielen Jahren der Beendigung meiner aktiven Dienstzeit hab ich immernoch die Bezeichnung der Angriffshandgranate RGD 5 im Gedächtnis und die F1 war die mit der Splitterwirkung.

12.03.2010 20.15 | Steve |
jepp, die RDG hatte als Angiffs-Handgranate eine vergleichsweise geringe Splitterwirkung, wär ja auch dämlich, im Vormarsch sich in volle Deckung begeben zu müssen, weil man grad seine Handgranate ins MG-Nest geworfen hatte. Ich kann mich an irgendwas um 10m erinnern... Das Werfen war damals so: Vorgehen, entsichern, werfen, langsam vorrücken...(meine Fresse, ist das lange her).
Die F1 dagegen als Verteidigungs-Handgranate wurde entsprechen dem Begriff Verteidigung aus der Deckung heraus gebraucht - und hatte natürlich eine dementsprechend höhere Splitterwirkung, so irgendwas um 200 m

12.03.2010 20.16 | Renato |
Original von joergd
Oh Joerg....da waere ich vorsichtig:lach:
Da hat sich doch auch einer der Besten Nahkaempfer des TT's (olle Koz..l aus der 3. - 84-87) bei einem Bankueberfall wohl den Zuendkerzenstecker des Motorrads rausziehen und zu guter letzt noch von Passanten ueberwaeltigen lassen:fetz: ...nun sitzt er wohl seit einigen Jahren....fuer 10 Jahre!!

So schnell kann das gehen!

Joergd

Jeder findet irgend wann seinen Meister und gerade dann wenn man es nicht erwartet.

12.03.2010 20.31 | Mosescop | Lizenz zum Töten
Genau meine Meinung
Als "Spezialkraft" der NVA oder ähnlicher Einheiten behalte ich die gelernten Bezeichnungen im Kopf.
Der Vorfall mit dem Albert war nicht sehr lange nach der Wende. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass er in einer Spezialeinheit gedient hat.
Der Lehrfaktor in diesen Einheiten war Erdrückend.
Als die Fahrzeuge an der AS Gera vorbei kamen saßen die Personen allesamt entspannt im PKW. Ein Falli oder Spezi ist immer "Umsichtig". Das hat mir als Cop bis heute immer geholfen.

13.03.2010 00.43 | ADK-125 |
kleine Korrektur

die Splitterwirkung der Angriffs-HG lag bei 25-30 m

die der Verteidigungs-HG mit 200 m ist korrekt

Gruß ADK

13.03.2010 09.14 | Jörg |
Richtiiig ADK :kanne:

Ich habe das von der RGD-5 zwar nicht geschrieben aber das macht ja nichts.

Aber wir haben es ja alle bei der (ich glaube) 2. HGÜ gelernt.

Ziehen werfen (mind. 25 - 30 m in einen vorgegebenen Sektor) weit, Kopf runter, damit der Stahlhelm Schutz bietet und vorwärts stürmen, wobei mit "stürmen" in diesem Augenblick nur zügiges Gehen gemeint war.

Gruß

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